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Dienstag, 27. September 2016

Wenn Archäologiestudenten nicht einmal mehr mit "gruseligen Knochen" klarkommen, dann sind sie am Ende


Von Brendan O'Neill für www.Spectator.co.uk, 26. September 2016


Gerade wenn man denkt, dieser Trend mit den "Triggerwarnungen" auf dem Campus kann nicht mehr idiotischer werden, dann wird berichtet, dass es Archäologiestudenten nun erlaubt ist, bei Diskussionen über "traumatisierende" historische Ereignisse fernzubleiben. Ja, richtig gelesen, Studenten, deren akademischer Auftrag darin besteht Knochen auszugraben, über altes Zeugs nachzugrübeln und rauszufinden, was die Menschheit vor tausenden Jahren einmal machte werden nun davor gewarnt, dass bei solchen Unternehmungen "verstörendes" Zeugs hochkommen könnte, das sie möglicherweise "traumatisiert", weil "Knochen gruselig sein können". Daher dürfen sie gerne die Vorlesung überspringen, wenn es mal wieder zu viel wird. Archäologiestudenten wird gesagt, dass Archäologie eine gruselige Angelegenheit ist - ich würde sagen, damit ist die Spitze des universitären Irrsinns erreicht.

Die fraglichen Studenten sind am Universitäts College in London (UCL) eingeschrieben. Jenen, welche den Kurs über die Archäologie moderner Konflikte belegen wurde es vom Kursleiter erlaubt "den Unterricht zu verlassen, wenn es um Themen geht, die sie als zu traumatisch empfinden". Diese "verstörten Studenten" werden nicht dafür bestraft, dass sie die Klasse nicht belegten, so lange sie "die Niederschriften anderer Studenten kopieren". (Moment mal - werden diese Aufzeichnungen nicht auch traumatisierend sein?). Allen Studenten des Kurses wird im Voraus gesagt, dass die Anschauung von historischen Kriegen und anderen Ereignissen "verstörend" sein kann. Es ist die moderne Version des gemalten mittelalterlichen Schreis auf Karten, der vor der Erkundung bislang unkartierten Landes warnte: "Hier gibts Drachen."

Ein Teil in mir ist neidisch auf die heutigen Studenten. In meiner Zeit musste man sich eine Grippe herzaubern, oder einen kranken Großvater, um sich aus einer Vorlesung zu stehlen; heute muss man nur plärren "Ich bin getriggert!" und der Weg ist frei für das frühe Feierabendbier. Aber natürlich gibt es ein großes Problem damit: Die unablässige Infantilisierung der Studenten, das Behandeln, als wären sie erwachsene Kinder, die bereits mit Worten oder Bildern ein echtes "Trauma" entwickeln könnten. (Definiert als: "Eine verstörende Erfahrung, die den Geist oder die Nerven einer Person so beeinflusst, dass sie in einen hysterischen oder psychotischen Zustand verfällt.") Die Grundidee einer Universität wird unmöglich, wenn von den Studenten angenommen wird, dass sie geistig so fragil sind, dass sie selbst von Gerede während des Unterrichts psychisch kollabieren könnten.

Der Trend mit den Triggerwarnungen, der gerade die amerikanischen Universitäten heimsucht beginnt sich nun auf in Großbritannien auszubreiten. Bereits vor den Warnungen vor der Archäologie an der UCL hat die Royal Holloway ihren Englischstudenten mitgeteilt, dass Ovids Gedichte "häusliche Gewalt und andere böse Dinge" enthalten, weshalb sie sich auf die Zähne beissen sollen, oder Ovid vielleicht ganz überspringen. In Oxford wurden Jurastudenten gewant, dass Vorlesungen über sexuelle Gewalt sehr "verstörend" sein können, weshalb sie "die Möglichkeit haben, diese zu verlassen". Müssen wir zukünftig also mit Anwälten rechnen, die den Gerichtssaal verlassen, oder anfangen zu schreien, wenn ein Mord besprochen wird, oder Fotos von Verletzungen gezeigt werden? In den USA forderten Studenten Triggerwarnungen bei buchstäblich allem, vom Großen Gatsby (wegen "Suizid, häuslicher Gewalt und Beschreibungen von Gewaltszenen") bis hin zu Shakespeare (einige seiner Stücke haben Bezüge zu Vergewaltigungen, Mord, Folter. Etwa Titus Andronicus. Ein Literaturprofessor an der Penn State meinte "Jeder ist von Titus traumatisiert").

Diese Annahme der geistigen Fragilität bei Studenten, die psychisch als so verletzlich hingestellt werden, dass selbst F Scott Fitzgerald sie traumatisieren könnte, steht der Idee einer Universität diametral entgegen, wo doch eigentlich feststehen sollte, dass junge Erwachsene nicht nur geistig befähigt sind, sondern auch moralisch autonom und intellektuell neugierig. Die Überverwendung des Wortes "Trauma", um von einem Archäologiekurs bis zu einem alten Theaterstück alles zu markieren zeigt, wie festgefahren die Sicht auf Studenten mittlerweile ist. Wie ein amerikanischer Psychologieprofessor meint: "Wenn wir Unglück, Trauer oder sogar Schmerz als Trauma bezeichnen.. dann verwandelt sich jedes Ereignis in eine Katastrophe, die uns hilflos, gebrochen und unfähig zum weitermachen zurücklässt". Kurz gesagt, je mehr wir jungen Erwachsenen sagen, dass alles potenziell traumatisch ist, desto eher werden sie alles als traumatisch erleben, oder zumindest als beängstigend. Wir sind ernsthaft dabei, jungen Leuten beizubringen, dass Shakespeare schädlich für ihre geistige Gesundheit ist.

Immerhin, der Archäologiedozent an der UCL meint, bislang habe noch keiner seiner Studenten das Angebot, eine "traumatisierende" Diskussion zu verlassen angenommen. Das ist ermutigend. Es ist auch enthüllend. Es deutet darauf hin, dass der Campuswahn, diese wilde Allergie gegen schwierige Debatten und die Angst vor beleidigenden Texten nicht immer von den Studenten selbst kommt. Das ganze ist institutionalisiert und grassiert unter fertigen Akademiern in so einem Ausmaß, dass die Universitäten ihren Studenten nicht mehr länger die kantsche Idee des "Wage zu wissen" einimpfen, sondern ihnen vor neuem abraten: "Manchmal ist es riskant zu wissen. Was ihr herausfindet könnte euch weh tun. Also vielleicht solltet ihr das gar nicht erst wissen, oder das Buch lesen, oder diese Vorlesung hören." Es ist die Sicherheit der Ignoranz.


Im Original: If archaeology students can’t cope with ‘scary bones’, they really are doomed

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