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Samstag, 1. April 2017

Warum wir nichts mehr von der italienischen Bankenkrise hören

Der Tresor ist leer.
Von Don Quijones für www.WolfStreet.com, 30. März 2017

Für ein Land, das sich am Rande einer gigantischen öffentlichen Schuldenübernahme des von toxischen Krediten heimgesuchten Bankensektors befindet und welches dies womöglich nicht bewerkstelligen kann und damit eine umfassende Finanzkrise auslösen könnte, an der das europäische Finanzsystem untergehen würde, ist die Lage derzeit seltsam ruhig in Italien. Es ist fast so, dass je imminenter die Krise wird, desto weniger hört man davon - da sonst Investoren abgeschreckt werden könnten. Und bald stehen auch Wahlen an.

Ein Artikel aber, der im Finanzteil der italienischen Zeitung Il Sole abgedruckt wurde zeigt, wie ernst die Situation inzwischen ist. Laut neuen Forschungsergebnissen der italienischen Investmentbank Mediobanca haben 144 der knapp 500 italienischen Banken "Texas Verhältnisse", die über 100% liegen. Dieses Texas Verhältnis wird berechnet, indem der Gesamtwert der ausfallenden Kredite einer Bank geteilt wird durch die Bilanzwerte plus Reserven einer Bank - oder wie der amerikanische Geldmanager Steve Eisman es ausdrückt "all das schlechte Zeugs geteilt durch das Geld, das da ist, um das schlechte Zeugs abzubezahlen."

Liegt dieses Verhältnis über 100%, dann hat die Bank nicht genügend Geld, "um das schlechte Zeugs abzubezahlen." Daraus folgt, dass Banken dazu neigen bankrott zu gehen, wenn dieses Verhältnis über 100% steigt. In Italien gibt es derzeit 114 davon. Von diesen haben 24 ein Verhältnis von über 200%.

Zugegeben, viele der fraglichen Banken sind kleine Orts- und Regionalsparkassen mit Werten im Bereich der zehn oder hundert Millionen Euro. Sie sind systemisch keine wichtigen Institutionen und können ohne Störung für das Gesamtsystem abgewickelt werden. Die Liste aber umfasst auch einige von Italiens größten Banken, die mit Sicherheit systemisch wichtig sind für Italien, und von diesen haben einige ein Texas Verhältnis von über 200%. An der Spitze dieser Liste steht - man kann es sich denken - Monte dei Paschi di Siena (MPS) mit 119 Milliarden an Werten und einem Texas Verhältnis von 269%.

Die zweite auf der Liste ist die Veneto Banca mit 33 Milliarden Euro an Werten und einem Verhältnis von 239%. Dabei handelt es sich um jene Bank, die zusammen mit der Banco Popolare di Vicenza (Werte: 39 Millarden; Verhältnis 210%) im letzten Jahr eigentlich hätte gerettet werden sollen von dem durch die Regierung unterstützten, aber privat finanzierten Notkreditfond Atlante, der nun aber dringend frische öffentliche Gelder braucht. Rechnet man ihre Werte zusammen, dann sind sie Italiens siebtgrößte Bank.

Einige Experten, darunter JP Morgan Chase, die im letzten Jahr den Auftrag bekam, die MPS zu retten, warnten, dass die Popolare di Vicenza und die Veneto Banca nicht für Notkredite infrage kommen, da sie nicht als systemisch wichtig genug erachtet werden. Das hat dazu geführt, dass Investoren ihre Gelder aus den Banken abzogen, was deren finanzielle Enpässe weiter verschärfte. Laut Quellen in Rom würde der Zahlungsausfall der beiden Banken Schockwellen durch die gesamte italienische Finanzindustrie schicken.

Es gibt noch weitere italienische Grossbanken mit einem Texas Verhältnis von über 100%. Darunter befinden sich:

  • Banco Popolare [..] - Werte: 120 Milliarden; Texas Verhältnis 217%
  • UBI Banca - Werte: 117 Milliarden; Texas Verhältnis 117%
  • Banca Nazionale del Lavoro:- Werte: 77 Milliarden; Texas Verhältnis 113%
  • Banco Popolare Dell’ Emilia Romagna - Werte: 61 Milliarden; Texas Verhältnis 140%
  • Banca Carige - Werte: 30 Milliarden; Texas Verhältnis 165%
  • Unipol Banca - Werte: 11 Milliarden; Texas Verhältnis 300%


Mit Ausnahme von Unicredit, Intesa Sanpaolo und der Mediobanca selbst haben insgesamt fast alle italienischen Großbanken ein Texas Verhältnis von deutlich über 100%.

Aber, wie Eisman kürzlich anmerkte, haben die beiden größten Banken Unicredit und Intesa Sanpaolo Verhältnisse von über 90%. So lange die anderen Banken ihren zombiehaften Zustand weiter aufrecht erhalten können, werden sie die beiden Großbanken auch weiter mit nach unten ziehen. Und sollte eine dieser Banken beginnen zu wackeln, dann ist alles zu spät.

Um sich auf der richtigen Seite des Solvenzverhältnis zu halten hat die Unicredit dieses Jahr bereits 13 Milliarden Euro an neuem Kapital aufgenommen und in der letzten Woche nutzte die Bank den Vorteil der neuesten Kostenloskreditrunde (formal bekannt als TLTRO II) der EZB, um sich 24 Millarden Euro kostenlos zu wichern. So lange sich die allgemeine Gesundheit der Banken weiterhin verschlechtert, ist das Aufrechterhalten der eigenen Lage sehr schwer.

Und hier wird es auch kompliziert. Um sich für öffentliche Hilfen zu qualifizieren, müssen die Banken solvent sein. Man sollte erwarten, dass sich dadurch jede Bank sofort disqualifiziert, die ein Texas Verhältnis von über 150% hat und worunter MPS, Banco Popolare, Popoplare di Vicenza, Veneto Banca, Banca Carige und Unipol Banca fallen. Die Notkredite müssen auch in Übereinstimmung mit den EU Regulierungen vergeben werden, darunter die Bankenerholungs- und auflösungsdirektive vom 1. Januar 2016, in der es spezifisch heisst, dass Aktionäre und Gläubiger einer Bank mit mindestens 8% ihrer Einlagen haften müssen, bevor die Bank öffentliche Mittel erhalten kann, wie es bei der berüchtigten Bankenrettung in Zypern im Jahr 2013 geschah.

Die italienische Regierung weis, dass dieser Ansatz den gesamten Einzelhandel auslöschen könnte (auch bekannt als Wähler), denen im Angesicht der letzten Krise von den geldhungrigen Banken teilweise in betrügerischer Weise nachrangige Anleihen aufgeschwätzt wurden, was am Ende der Regierung Stimmen kostete. Um ein solches Ergebnis zu vermeiden hat die Regierung vorgeschlagen, Anleihenhalter im Einzelhandel mit öffentlichen Geldern zu entschädigen, wie es auch die spanische Regierung bei Haltern von Vorzugsanleihen gemacht hat. Was selbstverständlich völlig den EU Gesetzen zuwiederlief.

Bislang blieb die EU Kommission still bei dem Thema, vermutlich weil sie hofft, Auflösungserscheinungen im italienischen Bankensektor zumindest bis nach den französischen Präsidentschaftswahlem Ende April vermeiden zu können, wenn nicht gar bis nach den Wahlen in Deutschland im September. Dann, also falls die Wahlen nach Gusto von Brüssel verlaufen, kann ein kontinentales, steuerfinanziertes Notkreditprogramm für faule Kredite von der Leine gelassen werden, wie es bereits der EZB Vizepräsident Vitor Constancio und der Präsident der Europäischen Bankenaufsicht Andrea Enria vorschlugen.

Ohne aber eine Garantie zu haben, dass Italiens von faulen Krediten heimgesuchte Banken so lange durchhalten können ist es ein sich lange hinziehendes Bangen und Hoffen.







Im Original: Here’s Why Italy’s Banking Crisis Has Gone Off the Radar

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